Digitale Souveränität für Menschen mit Lernschwierigkeiten
Menschen mit Lernschwierigkeiten, denen es stark an grundlegenden Medienkompetenzen fehlt, sollen zum selbstständigen Lernen & Bedienen von digitalen Tools und Angeboten motiviert und ermächtigt werden. Sie sollen genau wie jede/r andere auch:
- sicher und selbstbestimmt mit digitalen Geräten umgehen können
- grundlegende Medienkompetenzen entwickeln
- ihre Handlungsmöglichkeiten und Risiken im digitalen Raum verstehen
- digitale Angebote selbstbestimmt mitgestalten können.
Das Projekt versteht sich somit in Zeiten einer immer digitalisierteren Gesellschaft als Beitrag zu mehr digitaler Teilhabe, gesellschaftlicher Inklusion, Empowerment und Reduzierung des digital&knowledge gap.
Ziel war es ein Schulungsprogramm zu entwickeln, das Medienkompetenzen unterschwellig und handlungsorientiert schult. Wir wollten bewusst keine Meta-Ebene-Schulung geben zu “Was ist das Internet” “Was sind Fake News” / “Gefahren im Internet” – was uns für die Zielgruppe zu abstrakt erscheint -, sondern den Umgang mit digitalen Tools anhand von greifbaren Situationen aus deren Lebenswelten alltagsnah vermitteln.
Beteiligte
Bei der konzeptuellen und Material-Entwicklung haben 2 Angestellte der Lebenshilfe Werkstatt München mitgewirkt / ihre Zeit für freigestellt: eine aus dem Bereich “Bildung” und eine aus dem Bereich “Leichte Sprache”.
Die Testgruppe bestand aus Teilnehmer*innen des Berufsbildungsbereichs – die gerade frisch von der Schule in die Werkstatt kommen und zur Altersgruppe 18-20 Jahre gehören.
Projektablauf
In einem ersten Schritt wurden Vertreter*innen der Zielgruppe anhand von Selbsteinschätzung in Interviews/Fragebögen hinsichtlich grober Einschätzung von Medienkompetenzen sowie Interessen für den Praxisbezug befragt.
Darauf ergab sich folgende Ausgangslage:
• 10/10 haben eigenes Handy u. benutzen es jeden Tag
• 7/10 haben Zugriff auf Tablet und/oder PC, die meisten benutzen es „selten“, nur 2 sagen „oft“
• meist genannte Aktivitäten: Videos schauen, Tiktok, Youtube, Musik, “entspannen”, zocken/spielen – fast ausschließlich passiv
• Was sie gerne lernen möchten: “alles” oder “nichts” (evtl. Frage zu schwer, trotz vieler Optionen zum Ankreuzen, vgl. kritische Einschätzung)
Parallel dazu haben wir selbst überlegt, welche Fähigkeiten wir als wichtig zu erlernen erachten sowie welche Themen aktuell sind, um möglichst starken Praxisbezug zu ermöglichen.
Dann haben wir versucht ein passendes Tool für unsere “Schulung” zu finden. Nach längerem Vergleich und Abwägen haben wir uns für dieses Projekt dann doch gegen ein “klassisches” LMS entschieden (vgl. kritische Einschätzung).
Nächster Schritt: Hands-On – Auswahl der Situationen und damit verbundener Herausforderungen. Die Konzeptentwicklung ging los. Wir haben 3 Szenarien ausgesucht, zu denen wir digitale Angebote erstellen wollten und zu jedem Szenario überlegt, welche Grundfertigkeiten wir dabei trainieren könnten.
1. Oktober: Werkstattrats-Wahlen – gemeinsames Erstellen von Wahlplakaten für die Wahl-Kandidaten/innen mit Canva (sich anmelden, eine Code copy-pasten, eine Vorlage auswählen & bearbeiten, Bilder auswählen und einfügen, …)
2. Dezember: Digitaler Infokanal: Nutzen & ggf. eigene Beiträge erstellen (sich über einen QR-Code anmelden, Nutzungsrechte verstehen, sich an Admin wenden, ein Video aufnehmen & verschicken)
3. Februar: Projektwoche zum internationalen Frauentag: digitale Anmeldung (Formular & Fragebogen ausfüllen)
Daraufhin wurden die dazugehörigen Materialien erstellt (mit Berücksichtigung der Kriterien für “Leichte Sprache”). Anders als ursprünglich geplant haben wir die Materialien nicht als E-Learning-Kurs entwickelt, sondern analog: auf Papier gedruckte Anleitungen. Der Grund hierfür war nicht überfordern zu wollen und möglichst niedrigschwellig anzufangen.
Anschließend gingen die Durchführungen los, teilweise als Kurseinheit angesetzt, teilweise unterschwellig/implizit, ohne darauf einzugehen, dass es sich gleichzeitig um ein “Schulen” handelt. Nichtsdestotrotz haben wir in beiden Fällen Feedback der Testpersonen erhoben.
Diese wurde in einem letzten Schritt ausgewertet und dokumentiert.
Produkte und Veröffentlichungen:
Die Wahlplakate, die die Testgruppe mithilfe unserer Anleitung erstellt hat, wurden in der Werkstatt an eine Stellwand angepinnt und waren somit sichtbar für alle Werkstatt-Mitarbeiter/innen – erreichten somit also alle Wahlbeteiligten und erfüllten direkt einen Zweck.
Bei dem Angebot des digitalen Infokanals, erreichen sie mit der Möglichkeit über den Admin ein eigenes Video oder Beitrag zu posten, ebenfalls die interne Gruppe der weiteren Mitarbeiter/innen.
Das dritte Szenario war nicht darauf ausgelegt, eine Produkte zu entwickeln und veröffentlichen, sondern zu lernen bestehende Angebote anzunehmen und Formulare auszufüllen. Bei unserer Übung konnten sie damit die Planenden der internen Projektwoche erreichen.
Kritische Einschätzung:
- Unser Ziel, ein “Schulungsprogramm” zu entwickeln, das auch anderen Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden kann, hat in dem Sinne nicht funktioniert. Eben weil wir unterschwellig und handlungsoriert agieren wollten, erschien es uns das Beste, aus den auftretenden Situationen heraus Materialien zu entwickeln.
- Die Motivation der Teilnehmenden war sehr groß! Dies bestärkt uns, auch über den Förderungszeitraum hinaus, weiter an diesem Projekt zu arbeiten
- Es bleibt eine Mammut-Aufgabe. Der digital gap ist enorm. Doch das soll uns nicht demotivieren – im Gegenteil. Jeder kleine Schritt hilft.
- Inhalte müssen sehr klein-schrittig beschrieben u. erklärt werden
- Eine große Herausforderung bleibt die Frage nach der Inklusion der Zielgruppe in den konzeptuellen Prozess. Einerseits befürworten und unterstützen wir den Ansatz “mit uns nicht über uns”, gleichzeitig haben unsere Versuche wie die “Bedarfsanalyse” / “Was möchtest du hiervon (Optionen zur Auswahl) noch mehr lernen” gezeigt, wie schwierig es für viele von Ihnen ist, auf einer abstrakten Ebene zu denken.
Kontakt:
Bei weiterem Interesse an unserem Projekt, allgemein der (digitalen) Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung, Leichte Sprache und digitaler Teilhabe, können Sie uns sehr gerne kontaktieren: info@textsicher.de