Mutwerk Digital ResilienceLab
Vier Tage, eine Klasse und eine Frage: Wie wollen wir miteinander umgehen – online und offline?
Wie entstehen Konflikte im Klassenchat? Warum verbreiten sich emotionale Inhalte im Netz besonders schnell? Und wie können wir digitale Gemeinschaften respektvoll gestalten? Im „Mutwerk Digital ResilienceLab“ haben wir mit einer 7. Klasse der Mittelschule an der Wittelsbacherstraße in München vier Workshoptage lang erkundet, wie Emotionen, Resilienz und digitale Medien zusammenhängen – und wie junge Menschen ihr Miteinander aktiv gestalten können.
Ein Video, das wütend macht. Eine Nachricht im Klassenchat, die verletzend klingt. Ein Kommentar, der andere zum Lachen bringt, aber jemanden ausschließt. Digitale Medien sind wichtige Orte für Austausch und Zugehörigkeit. Gleichzeitig können hier Missverständnisse, Gruppendruck und Konflikte entstehen – manchmal innerhalb weniger Sekunden.
Doch was passiert in uns, wenn wir uns angegriffen oder ausgeschlossen fühlen? Warum reagieren wir manchmal impulsiver, als wir eigentlich möchten? Und wie können wir gemeinsam dafür sorgen, dass sich Menschen online sicher und respektiert fühlen?
Mit diesen Fragen haben wir uns im Mutwerk Digital Resilience Lab beschäftigt. An vier Workshoptagen stärkten die Jugendlichen ihre emotionale Kompetenz, erprobten Strategien für den Umgang mit Stress, übten konstruktive Kommunikation und setzten sich kritisch mit Desinformation auseinander. Dabei ging es nicht nur darum, digitale Risiken zu erkennen, sondern vor allem darum, eigene Handlungsmöglichkeiten zu entdecken und Verantwortung für das Miteinander zu übernehmen.
Erst verstehen, dann handeln: Was unsere Emotionen uns sagen
Am ersten Workshoptag stand die Frage im Mittelpunkt: Was fühle ich eigentlich – und was brauche ich gerade?
Die Jugendlichen beschäftigten sich mit verschiedenen Emotionen, ihren körperlichen Signalen und den Bedürfnissen, die dahinterliegen können. Sie lernten, Gefühle nicht einfach in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen, sondern als wichtige Hinweise zu verstehen: Was beschäftigt mich? Was ist mir wichtig? Was brauche ich?
Ein zentrales Werkzeug war die Mutwerk-Emotionen-Matrix. Mit ihr analysierten die Schüler konkrete Situationen: Was ist passiert? Was habe ich gefühlt? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Und wie möchte ich handeln?
Dabei ging es auch um den Einfluss sozialer Medien. Die Jugendlichen reflektierten, warum emotionale Inhalte unsere Aufmerksamkeit besonders stark binden und weshalb wir manchmal reagieren oder etwas teilen, bevor wir genauer darüber nachdenken. So wurde deutlich: Wer die eigenen Emotionen besser versteht, gewinnt Handlungsspielraum.
Mit Herausforderungen umgehen: Resilienz stärken
Was hilft, wenn eine Situation belastend ist oder ein Konflikt nicht aufhört? Am zweiten Workshoptag ging es um Stress, Resilienz und Selbstwirksamkeit.
Die Jugendlichen lernten, Stresssignale wahrzunehmen und Strategien kennenzulernen, um sich in angespannten Situationen zu beruhigen. Sie beschäftigten sich mit persönlichen Ressourcen: Was gibt mir Kraft? Was hilft mir, wenn etwas schiefgeht? Wer unterstützt mich, wenn ich allein nicht weiterkomme?
Ein weiterer Schwerpunkt war das Growth Mindset: die Haltung, dass wir aus Fehlern lernen und an Herausforderungen wachsen können. Gerade im digitalen Alltag, in dem Vergleiche, negative Kommentare und Gruppendruck belasten können, ist diese Perspektive wichtig.
Gemeinsam entwickelten die Schüler Ideen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen und sich gegenseitig unterstützen können. Denn Resilienz bedeutet nicht nur, Belastungen allein auszuhalten, sondern auch, gemeinsam Lösungen zu finden.
Wenn es schwierig wird: respektvoll kommunizieren
Dass wir uns ärgern oder unterschiedlicher Meinung sind, lässt sich nicht immer vermeiden. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.
Am dritten Workshoptag lernten die Jugendlichen Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg kennen. Sie beschäftigten sich damit, wie hinter Vorwürfen häufig Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse stecken – und wie sich Konflikte verändern können, wenn wir diese besser verstehen.
Anhand alltagsnaher Beispiele übten sie die vier Schritte: Beobachtungen ohne Bewertung beschreiben, Gefühle benennen, Bedürfnisse erkennen und konkrete Bitten formulieren. Auch der Perspektivwechsel spielte eine wichtige Rolle: Wie könnte die andere Person die Situation erlebt haben? Und wie kann ich ausdrücken, was mich stört, ohne mein Gegenüber abzuwerten?
Gerade online, wo Mimik und Tonfall fehlen, entstehen leicht Missverständnisse. Die Jugendlichen entwickelten deshalb Alternativen zu verletzenden Formulierungen und überlegten, wie sie Konflikte deeskalieren können. Damit legten sie zugleich die Grundlage für den gemeinsamen Community-Kompass.
Nicht alles glauben, nicht alles teilen: Desinformation erkennen
Am vierten Workshoptag richteten wir den Blick auf Desinformation und die Verantwortung im digitalen Raum.
Beiträge, die Angst machen oder empören, lösen häufig starke Reaktionen aus und werden schnell weiterverbreitet. Hinzu kommen Algorithmen und KI-generierte Inhalte, deren Ursprung nicht immer leicht zu erkennen ist.
Die Jugendlichen setzten sich mit solchen Mechanismen auseinander und lernten, Informationen kritisch zu hinterfragen, Quellen zu prüfen und Inhalte nicht allein deshalb für glaubwürdig zu halten, weil sie überzeugend aussehen oder oft geteilt werden.
Dabei verbanden sie die neuen Erkenntnisse mit den vorherigen Workshops: Wer eigene Emotionen wahrnimmt und innehalten kann, gewinnt Zeit zum Nachdenken. Wer unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt, kann Konflikte und Informationen differenzierter einordnen.
Vom Workshop in den Alltag: Der Community-Kompass
Wie wollen wir miteinander umgehen – auch dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind? Aus dieser Frage entstand der gemeinsame Community-Kompass.
Die Jugendlichen entwickelten eigene Prinzipien für ein respektvolles digitales Miteinander. Sie diskutierten, was bei Konflikten hilft, wie Ausgrenzung begegnet werden kann und worauf sie achten möchten, bevor sie Inhalte weiterleiten. Anschließend stimmten sie über gemeinsame Leitlinien ab.
So entstand ein Kompass, der nicht von außen vorgegeben wurde, sondern die Ideen und Vereinbarungen der Klasse aufgreift. Die Schüler mussten zuhören, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen und gemeinsam Entscheidungen treffen. Sie erlebten damit ganz praktisch, dass eine Gemeinschaft von den Menschen lebt, die sie gestalten – und dass jede und jeder Verantwortung übernehmen kann.
Zum Abschluss stellten die Jugendlichen ihre Ergebnisse und Medienprodukte vor und teilten ihre Erkenntnisse mit einer Parallelklasse.
Was wir aus dem Digital Resilience Lab mitnehmen
Vier Workshoptage lösen nicht alle Herausforderungen des digitalen Alltags. Sie können aber einen wichtigen Anfang machen: indem sie Jugendlichen ermöglichen, eigene Erfahrungen zu reflektieren, neue Fähigkeiten auszuprobieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Aus unserer Arbeit nehmen wir fünf Erkenntnisse mit:
1. Bei den eigenen Gefühlen anfangen. Wer versteht, was digitale Inhalte emotional auslösen, kann bewusster entscheiden, wie er oder sie reagiert.
2. Handlungsspielräume stärken. Strategien zur Stressbewältigung und Emotionsregulation helfen, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
3. Respektvolle Kommunikation üben. Jugendliche brauchen Möglichkeiten, Bedürfnisse auszudrücken, Perspektiven zu wechseln und Konflikte konstruktiv zu lösen.
4. Mitgestaltung ermöglichen. Wenn junge Menschen eigene Regeln entwickeln und gemeinsam beschließen, erleben sie Selbstwirksamkeit und übernehmen Verantwortung.
5. Gemeinschaft als Ressource verstehen. Digitale Resilienz ist nicht nur eine individuelle Fähigkeit. Ein respektvolles Umfeld und gegenseitige Unterstützung machen einen Unterschied.
Das Digital Resilience Lab verbindet emotionale Kompetenz, Resilienz, Medienbildung und demokratisches Lernen. Denn digitale Mündigkeit beginnt nicht erst bei der Frage, ob wir Informationen überprüfen können. Sie beginnt auch bei uns selbst: bei der Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, andere ernst zu nehmen und das eigene Handeln bewusst zu gestalten.
Unser Dank gilt den Schüler der teilnehmenden Klasse und den beteiligten Lehrkräften für ihre Offenheit und die tolle Zusammenarbeit. Ebenso danken wir dem Förderprogramm Kooperationsprojekte des Stadtjugendamts München und dem Netzwerk Interaktiv, die das Mutwerk Digital Resilience Lab ermöglicht haben.