
SURVIVAL IM MEDIENSCHUNGEL
Wir, der Verein GPP e.V., betreibt in München sieben Wohngemeinschaften für Jugendliche und junge Erwachsene (17 – 23 J). In unseren WGs leben junge Menschen, die entweder aus sozialen Gründen nicht in ihren Familien leben können oder als unbegleitete, minderjährige geflüchtete Menschen nach Deutschland gekommen sind. Bei unserer täglichen Arbeit mit ihnen stellen wir fest, dass die Vermittlung von Medienkompetenz ein immer wichtigerer Teil unserer Arbeit wird. Vielen unserer Bewohner*innen fehlt das „Handwerkszeug“, um sich kritisch und sicher zu informieren. Die Folge ist oft, dass sie nichts von aktuellen Nachrichten wissen wollen oder unseriöse Quellen nutzen.
Bei der Suche nach Möglichkeiten der Medienbildung für unsere Bewohner*innen haben wir festgestellt, dass es zwar Angebote in diesem Bereich gibt, aber fast nie Workshops oder Seminare, die zu uns in die Einrichtungen kommen und auf die Anforderungen von betreuten Jugendwohneinrichtungen ausgerichtet sind. Deshalb beschlossen wir eigene Workshops zu entwickeln, die wir später auch anderen Einrichtungen in der Jugendhilfe zur Verfügung stellen können.
Unser Ziel
Durch unsere Medienkompetenztrainings sollen Jugendliche und junge Erwachsene den selbstbewussten, selbstbestimmten und kritischen Umgang mit (sozialen) Medien und Informationen lernen und einüben. Das soll sie vor Manipulation, Sucht und Fremdbestimmung schützen und sie befähigen, als mündige Mitglieder am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Und auch die Pädagog*innen wollen wir für das Thema sensibilisieren.

Vorgehensweise und Umsetzung
Um die Medienkompetenz-Workshops zu entwickeln, haben wir uns die beiden Medienprofis Ysabel Fantou und Marc Haenecke ins Team geholt. Sie ergänzen unsere sozialpädagogische Expertise mit ihrer Erfahrung in den Bereichen Medien, Information und Medienvermittlung und entwickeln die Workshops.
Recherchephase
In mehrstündigen Gesprächsrunden in unseren WGs fanden Ysabel Fantou und Marc Haenecke heraus, welche Themen die Jugendlichen selbst für wichtig halten, was ihr Kenntnisstand ist und welche Wünsche sie an ein interessantes und erfolgreiches Bildungsprogramm haben.
Die Perspektive der Jugendlichen und ihrer Bezugspersonen steht im Zentrum des Projekts und die Einbeziehung aller Beteiligten (Jugendliche, Pädagog*innen) ist integraler Bestandteil, um möglichst nah an der Zielgruppe zu sein.

Entwicklungsphase
In einem sechsmonatigen Prozess haben Ysabel Fantou und Marc Haenecke gemeinsam mit den Jugendlichen und Pädagog*innen eine dreiteilige Workshopreihe entworfen, die einen möglichst weit gefächerten Überblick über unsere Medienlandschaft und ihre Herausforderungen ermöglicht. Danach haben wir die Workshops nach und nach in sechs unserer WGs getestet und in Feedbackrunden und Evaluierungen mit den Bewohner*innen und Pädagog*innen immer wieder angepasst. Um den Pädagog*innen vertieftes Wissen und Praxistipps an die Hand zu geben entsteht gerade zusätzlich eine 2-tägige, medienpädagogische Fortbildung für Pädagog*innen und Bezugspersonen.
Förderer und Kooperationspartner
Dieser aufwendige Entwicklungsprozess war nur durch die Unterstützung vom Netzwerk Interaktiv und die großzügige Förderung durch SZ Gute Werke möglich. Denn bis jetzt finanziert GPP e.V. das Projekt zum überwiegenden Teil selbst.
Die Workshops
Die Workshops für die Jugendlichen dauern jeweils zwei Stunden und finden an drei Terminen vor Ort in den Jugendhilfeeinrichtungen statt. Im Zentrum stehen, Übungen, Spiele, Quizze, Videobeispiele und ganz besonders wichtig: Diskussionen und Austausch.
Workshop 1: KI-Fakes, Fake News und Faktencheck
Workshop 2: Soziale Medien, Algorithmen und ihre Gefahren
Workshop 3: Guter Journalismus, generative KI
Wichtiger als Faktenwissen sind uns Augenhöhe und das Bewusstsein für die zentrale Bedeutung von Medien in einer demokratischen Gesellschaft. Denn nur wer Information sicher zu beurteilen vermag, kann wirklich mitreden. Und wer sie selbstbestimmt und selbstbewusst nutzt, erfährt Selbstwirksamkeit.

Stand des Projekts
Nachdem wir die Workshops in allen eigenen WGs gehalten und dabei immer wieder evaluiert und angepasst haben, beginnen wir jetzt, sie auch in Einrichtungen unserer Kooperationspartner zu halten. Für den Herbst sind Workshops im Münchner Waisenhaus, in weiteren therapeutischen Wohngemeinschaften und an einer Mittelschule geplant. Schon nach kurzer Zeit zeigt sich: Die Nachfrage nach den Workshops ist groß.
Fazit
Bereits während der Entwicklungsphase wurde klar, dass auch die Jugendlichen selbst einen großen Bedarf für Medienkompetenz-Workshops sehen. An den Schulen, die sie besuchen, vor allem Mittel-, Real- und Berufsschulen, scheint das Thema Medienbildung deutlich zu kurz zu kommen. Immer wichtiger wird der Umgang mit Mediensucht und den Auswirkungen von ungesundem Medienkonsum. Hier, genauso wie bei der Frage nach zuverlässigen Quellen und dem Unterschied zwischen Information und Manipulation ist das Interesse der Teilnehmenden besonders groß.
Gerade verschiebt sich ihr Medienkonsum in Richtung KI bzw. Chatbots. Dieses Thema beschäftigt die Workshopteilnehmenden sehr. Es ist absehbar, dass es in Zukunft mehr Platz in den Workshops benötigen wird.
Inzwischen haben wir die Workshops vor fast 70 Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehalten und wünschen uns, dass es noch viele mehr werden.
Bei entsprechender Nachfrage werden wir unsere Workshops auch in anderen Sprachen anbieten.
Die Entwicklung von Medienkompetenz-Workshops ist in unseren Augen eine große Herausforderung, weil sich die Themen und Inhalte in diesem Bereich permanent und immer schneller verändern. Die Workshops müssen ununterbrochen angepasst und aktualisiert werden. Gleichzeitig gibt es immer wieder neue Tools und Möglichkeiten, sie spannender und partizipativer machen.
Recherche und Ausprobieren wird weiterhin die Grundlage unserer Workshops sein, immer in Kontakt und auf Augenhöhe mit den Jugendlichen.

