Wer darf sprechen? – Gender, Queerness & KI im digitalen Alltag

Wer darf sprechen? – Gender, Queerness & KI im digitalen Alltag

Der Workshop zu Gender, Queerness und KI fand gemeinsam mit Mirjam Schmalzl als Assistenz und einer Gruppe von Student*innen der Akademie der Bildenden Künste München (Seminar „Out of Order: Die Kunst des Fehlers“, SS26) in der Careteria – einem transkulturellen Veranstaltungsort und Treffpunkt für Kunst, Kultur und Gemeinschaft im Münchner Bahnhofsviertel – statt. Ziel war es, zu erforschen, wie digitale Medien und Künstliche Intelligenz Geschlechterbilder und queere Identitäten prägen, reproduzieren oder auch verzerren können. Hierfür haben wir uns angesehen, an welchen Stellen Vorurteile, Klischees oder Unsichtbarkeit im algorithmischen Raum entstehen und diskutiert, welche gesellschaftlichen Strukturen sich darin widerspiegeln. Anschließend konnten eigene Strategien entwickelt werden, um KI bewusster, gerechter und „queerer“ zu nutzen und im Rahmen eines Kunstprojekts kreativ umzudeuten. Im Mittelpunkt standen dabei nicht technische Vorkenntnisse oder Programmieren, sondern kritisches Denken, gemeinsames Reflektieren und experimentelles, künstlerisches Arbeiten.

Zeitplan/ Zielgruppe: Der Workshop fand am Freitag, den 10.07.2026, von 16 bis 19 Uhr sowie am Samstag, den 11.07.2026, von 10 bis 16 Uhr statt. Dieser Zeitraum am Wochenende über eineinhalb Tage sollte in Absprache mit der Careteria möglichst vielen Besucher*innen die Teilnahme ermöglichen und erwies sich gleichzeitig als ideal für den Ablauf und die inhaltliche Umsetzung des Workshops. Die Zielgruppe umfasste neben den genannten Studierenden der AdBK auch Jugendliche und junge Erwachsene, die sich sowohl über die Careteria anmelden, als auch spontan vorbeischauen konnten. Um möglichst viele Interessierte zu erreichen und auf das Angebot aufmerksam zu machen, wurden verschiedene Institutionen und Initiativen kontaktiert, darunter Kulturraum, Luise, Bellevue, Kreisjugendring, We Won’t Shut Up, ausArten und das Drag Festival. Darüber hinaus wurde der Workshop über Instagram beworben.

Tag 1:

Nachmittag Zur Einführung habe ich an Tag eins eine kleine Präsentation über Bias und gesellschaftliche Vorurteile in digitalen Bild- und KI-Systemen gehalten. Anhand verschiedener künstlerischer Arbeiten wurde gezeigt, wie Technologien Körper und Identitäten kategorisieren, welche normativen Vorstellungen und Ausschlüsse dabei entstehen und wie Kunst diese Systeme hinterfragen, stören und sich ihnen entziehen kann.

Im Anschluss entstanden im Rahmen einer moderierten Diskussionsrunde spannende Gespräche, die von biometrischen Erkennungssystemen und den damit verbundenen Fragen von Überwachung und Identität über die standardisierte Erstellung „perfekter“, heteronormativer und gesunder Körper oder klischeehafter Darstellungen von Queerness in KI-generierten Bildern bis hin zu nicht-einvernehmlichen sexualisierten Deepfakes und den damit verbundenen rechtlichen Fragen reichten. Darüber hinaus wurden wissenschaftliches Schreiben mit KI und die Vermenschlichung von Texten, Chatbots als emotionale Stütze und mögliche Formen von Isolation durch KI diskutiert. Den Abschluss bildeten gesellschaftspolitische Fragen zum Einsatz von KI im Krieg sowie die durch „Trad Wives“ vermittelten Geschlechter- und Rollenbilder.

Danach haben die Teilnehmenden in Kleingruppen vorgegebene Prompts von Karteikarten auf Englisch in ChatGPT eingegeben. Die Prompts waren bewusst geschlechtsneutral formuliert, um die Ergebnisse möglichst wenig vorzugeben. Währenddessen wurden die entstandenen Bilder gemeinsam verglichen und darauf geachtet, welche (geschlechtlichen) Stereotype besonders auffallen, welche Ergebnisse sich ähneln und welche Personen oder Perspektiven möglicherweise fehlen.

Tag 2:

Vormittag Nach einem kurzen Austausch zu den bisherigen Erkenntnissen wurden am Samstagvormittag die Prompts des Vortags bis zu 20 Mal wiederholt und dabei immer weiter ins Extreme gesteigert, zum Beispiel „noch erfolgreicher“, „noch ärmer“ oder „noch schöner“. Dabei konnten sowohl die Bilder vom Freitag als auch neue Ausgangsbilder verwendet werden. Gemeinsam wurde anschließend geschaut: Was passiert mit den Bildern? Was verändert sich, was fehlt weiterhin und welche Muster wiederholen sich oder wandeln sich sogar ins Radikale? Welche Prompts weigert sich die KI zu generieren und wie kann man dies möglicherweise umgehen? Kann man ein stereotypisches Bild auch queerer bzw. vielseitiger prompten? Zum Abschluss wurden besonders überraschende Bilder ausgewählt und gedruckt sowie Ideen für die Weiterbearbeitung gesammelt.

Nachmittag Die durch KI erzeugten fehlerhaften oder vorurteilsbehafteten Bilder wurden im Rahmen von Kunstprojekten weiterverarbeitet. Die Teilnehmer*innen konnten hierfür ein eigenes kleines Produkt gestalten und zwischen verschiedenen Formen wählen – etwa einer analogen Collage, in der Fehler und Auffälligkeiten z. B. mit Transparentpapier, Zeichnungen etc. korrigiert werden, einer digitalen Gegenwelt, einem Mini-Video, Comics bzw. Storyboards, 3D-Modellen oder einem Zine mit Prompts, Bildern und Poesie. Hierfür wurden verschiedene Materialien wie Papiere, Klebestifte, Marker, Fineliner und Buntstifte, Scheren und Washi Tapes bereitgestellt. Die Vorgaben wurden dabei bewusst offen gehalten, um den Teilnehmenden möglichst viel Raum für eigene Ideen und kreative Zugänge zu lassen. Ab 15 Uhr wurden die Ergebnisse in jeweils 15-minütigen Präsentationen vorgestellt.

Die entstandenen Arbeiten unterschieden sich sowohl thematisch als auch in ihrer Herangehensweise deutlich und beschäftigten sich unter anderem mit Fragen von Inklusion und der Repräsentation von Behinderung, mit Geschlechterbildern, Schönheitsidealen und Rollenverteilungen sowie mit Migration, Herkunft und Nationalität. Darüber hinaus setzten sich einzelne Arbeiten mit dem militärischen Einsatz von Drohnen und Überwachung auseinander. Dabei wurden persönliche Erfahrungen und Perspektiven ebenso thematisiert wie gesellschaftliche Machtverhältnisse, Diskriminierung und die Aushandlung von Freiheit.